Projekt ‚Worte helfen Frauen‘ unterstützt geflüchtete Frauen mit Übersetzungsleistungen – jetzt auch per Telefon

Niedersachsens Sozialministerin Dr. Carola Reimann hat auf dem zweiten Fachtag des Projekts „Worte helfen Frauen“ den Erfolg der Übersetzungsleistungen für geflüchtete Frauen in Niedersachsen herausgestellt. „Viele der ankommenden Frauen kennen die hier geltenden Gesetze nicht so genau. Vor allem haben viele von ihnen keine Vorstellung davon, welche Rechte und Pflichten sie in unserem Land haben. Das Projekt „Worte helfen Frauen“ bietet Betroffenen schnelle, unbürokratische Hilfe.“

Unter dem Motto „Mehr als Sprache“ diskutierten rund 100 Mitarbeitende aus Beratungsstellen, sozialen Einrichtungen und Kommunen darüber, wie sie die Qualität des Übersetzens im Beratungskontext sichern und weiter verbessern können. Durch den Einsatz vieler Ehrenamtlicher stellt die Qualitätssicherung eine Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass weltweit immer noch sehr viele Frauen und Mädchen vor Krieg, Verfolgung und Gewalt fliehen. Einige verlassen ihr Herkunftsland, weil sie geschlechtsspezifische Gewalt, wie zum Beispiel Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung, fürchten oder erlebt haben. Seit 2015 sind viele Geflüchtete auch nach Niedersachsen gekommen. Der Anteil der zugewanderten Frauen liegt bei ungefähr einem Drittel.

Das Land Niedersachsen entlastet die Beratungseinrichtungen bei den Kosten für die Übersetzungen. Im Jahr 2018 wurden dafür 300.000 Euro bereitgestellt. Das Projekt „Worte helfen Frauen“ hat sich seit seinem Start vor drei Jahren gut in Niedersachsen etabliert und ist in jeder Beratungsstelle vertreten, die zu frauenspezifischen Fragen informiert. Die Übersetzungsleistungen stehen all denen zur Verfügung, die aufgrund von sexuellen Übergriffen, Gewalterfahrungen, kulturell bedingten Verstümmelungen oder anderen traumatischen Erlebnissen eine Beratungsstelle aufsuchen wollen beziehungsweise ein Gespräch in einer Schwangerenberatungsstelle benötigen. Betroffene, die sich seit dem 1.1.2015 in Deutschland befinden, können die zahlreichen vernetzten Angebote in Frauenhäusern, Schwangerschafts- und Gewaltberatungsstellen, Beratungs- und Interventionsstellen (BISS) sowie bei Gleichstellungsbeauftragten in Anspruch nehmen.

Ein Pilotprojekt mit einem österreichischen Anbieter (SAVD) ergänzt das bestehende Angebot um einen Pool von mehr als 500 Übersetzerinnen und Übersetzern, die speziell zu den Schwerpunkten Gesundheit, Verwaltung, Recht und Soziales geschult sind. Durch diesen Service können sie via Telefon zugeschaltet werden und bei mindestens 14 Sprachen eine Telefonübersetzung innerhalb von zwei Minuten erhalten. Übersetzungen in weitere 50 Sprachen sind innerhalb von 15 Minuten bei vorheriger Terminabsprache möglich. „Viele Beratungen müssen sehr schnell und auf niedrigschwellige Art erfolgen. Ich denke hier besonders an Gespräche zu Schwangerschaftskonflikten sowie bei Gefährdung oder nach erlittener häuslicher Gewalt. Deshalb bin ich froh, dass es zusätzlich die Möglichkeit der Übersetzung per Telefon gibt“, so Dr. Carola Reimann. Einige Beratungseinrichtungen in Niedersachsen haben das Angebot inzwischen schon nutzen können. Geplant sind darüber hinaus weitere Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen für Beratungskräfte und Übersetzerinnen.

Dr. Carola Reimann verwies zudem auf die hohe Bedeutung kultur- und geschlechtsspezifischer Faktoren, die ein besonders sensibles Vorgehen beim Beraten erforderlich machen: „Die richtige Ansprache und behutsame Wortwahl unter Berücksichtigung der kulturellen Herkunft zu finden, ist sehr wichtig. Deshalb sind sie auf die Hilfe von muttersprachlichen Übersetzerinnen und Sprachmittlerinnen angewiesen.“

Pressemitteilung des Niedersächsichen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung vom 8.11.2018

Pilotphase Telefondolmetschen

Für das Projekt „Worte helfen Frauen“ startet ab dem 01.09.2018 eine Pilotphase, um das Telefondolmetschen zu erproben.

Kooperationspartnerin ist die SAVD Videodolmetschen GmbH mit Sitz in Wien. Seinen Ursprung hat der Dolmetscherservice durch ein Pilotprojekt im Bereich Patientensicherheit. Heute sind mehrere hundert qualifizierte Dolmetscherinnen und Dolmetscher im Einsatz. Die Dolmetscherinnen und Dolmetscher verfügen alle über einen translationswissenschaftlichen Abschluss oder eine gerichtliche Zertifizierung. Sie sind für Sprachen, bei denen dieses durch ein vorhandenes universitäres Angebot möglich ist, akademisch ausgebildet. Soziale, interkulturelle sowie kommunikative Kompetenzen sind obligatorisch.

Mit knapp 20 niedersächsischen Beratungsstellen wird der Service in einem dreimonatigen Testlauf erprobt. Die Stellen wurden durch Schulungen auf die Testphase vorbereitet und können den Dienst ab dem 01.09.2018 nutzen.

Wir sind gespannt, inwieweit der Service für das Projekt „Worte helfen Frauen“ erleichternd wirkt und welches Feedback wir von den Beratungsstellen erhalten.

Fachveranstaltung

Übersetzen heißt Verantwortung. Mehrsprachige Beratungen professionell umsetzen

Die Fachtagung „Übersetzen heißt Verantwortung. Mehrsprachige Beratungen professionell umsetzen“, im Rahmen des Projekts „Worte helfen Frauen“ am Freitag, 17.11.2017 in Hannover, war ein voller Erfolg. Rund 80 Personen kamen in den schönen Räumlichkeiten des Forum St. Joseph zusammen. Eingeführt wurde durch kurze Ansprachen der Referatsleiterin des Referat 202 des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Andrea Frenzel-Heiduk und von Almut von Woedtke, Vorstandsvorsitzende des Projektträgers Gleichberechtigung und Vernetzung e.V.
Durch einen belebten und interessanten Vortrag der Sprach- und Kulturmittlerin sowie Diversity Trainerin Meera Sivaloganathan wurden die Teilnehmenden tiefergehend auf das Thema eingestimmt. Die Referentin nannte die „Basics“ professioneller Übersetzungsarbeit für Frauen im interkulturellen Zusammenhang und steuerte anschauliche Beispiele auch über die praktische Arbeit bei.

Im Anschluss an den Fachvortrag wurden folgende Themen in Workshops vertieft:

  • Beratung zu dritt
  • Geschlechtsspezifische Asylpolitik
  • Qualitätssicherung bei Übersetzungen
  • Genderkompetenz im interkulturellen Kontext

In den etwa zweistündigen Workshop-Einheiten wurde rege diskutiert, gelernt, ausprobiert und das Gelernte verfestigt.

Am Nachmittag stieß Frau Sozialministerin Cornelia Rundt dazu. In ihrer Amtszeit wurde „Worte helfen Frauen“ als Übersetzungsprojekt bereits im Dezember 2015, quasi als Vorreiter für Deutschland, ins Leben gerufen. „Ich bin stolz, dass es uns gelungen ist, dieses Projekt so schnell umzusetzen“, sagt Cornelia Rundt. Sie betont, dass gerade schwierige Lebensläufe und dramatische Erfahrungen sensible Übersetzerinnen erfordern. Doch auch die Beratungskräfte sollten die Kulturen sowie gesellschaftliche Tabus ihrer Klientinnen kennen. „Gerade in den sensiblen Beratungsthemen wie Gewalt und Sexualität wird es bei Unkenntnis der im Herkunftsland bestehenden Tabus schwierig, die Hemmschwellen bei der zu beratenden Frau abzubauen“, so Rundt.

Anschließend wirkte die Sozialministerin an einer Podiumsdiskussion mit der „Fishbowl-Methode“ mit. Das Besondere an dieser Methode ist, dass die Teilnehmenden sich von Beginn an aktiv beteiligen konnten. Neben den festen Plätzen, welche durch die Workshopleitungen belegt wurden, boten zwei leere Stühle den restlichen Teilnehmenden die Möglichkeit, an der Podiumsdiskussion teilzunehmen. Es folgte ein spannender Austausch über die Rollenverteilung der Beratungskräfte sowie Sprachmittlerinnen und -mittler in den Gesprächen, über die technischen Möglichkeiten des Video- oder Telefondolmetschens sowie über eine faire Entschädigung für die Übersetzungsleistenden. In der Debatte wurde auch über die Qualifikation der Übersetzungsleistenden gesprochen. Hier wird ein Bedarf zur Professionalisierung gesehen.

Ein großer Dank geht an die Referentinnen und Referenten der Tagung: Anuschka Abutalebi, Frauke Baller, Manfred Brink, Aigün Hirsch, Brankica Ott, Luara Rosenstein, Meera Sivaloganathan, Frau Ministerin Cornelia Rundt

Die Fachtagung war ein Erfolg! Jetzt geht es darum, das neue Wissen umzusetzen, in die eigene Arbeit zu integrieren und mögliche Problematiken anzugehen.